Grisaille Tapelabel: Grau drückt das Wesentliche aus

Seit Ende 2019 veröffentlicht das Tapelabel Grisaille spannende experimentelle Musik unterschiedlichster Geschmacksrichtungen, von Drone & Ambient bis zu improvisiertem Jazz und Klangkunst. Die Releases erscheinen jeweils via Bandcamp und als wirklich schön aufgemachte Tapes. Die Ende Juli erschienene dritte Rutsche Tapes hab ich zum Anlass genommen, mich mit Tim und Julius über das Label, die dahinterstehende Idee und die kommenden Musiken zu unterhalten. Das Gespräch haben wir per Mail geführt..

H: Stellt euch kurz vor: Wer seid ihr? Was macht ihr?

J: Wir sind Julius Ménard und Tim Greifelt und kommen beide aus der westfälischen Provinz. Seit nunmehr über 20 Jahren sind wir befreundet und immer, mal mehr, mal weniger, im Kontakt geblieben. Da wir nunmal aus derselben Einöde stammen, haben wir auch eine ähnliche Sozialisierung in den 90er Jahren durchlebt. Sprich, tagsüber Inlineskaten, bzw. später Skateboard fahren und abends im lokalen Jugendzentrum das halbwegs erträgliche Konzertprogramm mitgestalten. Musikalisch kommen wir ursprünglich aus unterschiedlichen Hemisphären. Tim war dem HipHop der 90er verschrieben und bei mir war es der Punk, in dem ich meinte meine Peergroup gefunden zu haben. Irgendwann wurde uns unabhängig voneinander das Korsett zu eng und wir beschäftigen uns mit allen möglichen Genres der Musik und allen damit zusammenhängenden Bereichen. Tim promoviert derzeit und plant derzeit nach Paris zu ziehen. Ich bin „Vollzeit-Papa“ mit Job im Familienbetrieb und mache Musik.

H: Beschreibt euer künstlerisches Konzept.

J: Da wir dem subkulturellen Kontext entspringen, ist uns die DIY-Ethik sehr wichtig. Unabhängig von den vorgegebenen Strukturen versuchen wir etwas auf die Beine zu stellen, das uns selbst persönlich gefällt. Das spiegelt sich auch in der Auswahl der Bilder für die Inlays wider. Bei den ersten beiden Tape-Batches haben wir Fotografien von Tim ausgewählt, die unserer Meinung nach die Stimmung der des jeweiligen Tapes gut wieder geben. Es ist uns dabei auch wichtig, jede Fotografie mit den Künstler*innen abzusprechen. Beim letzten Batch haben zum Beispiel die Künstler*innen das Frontcover selbst vorgeschlagen bzw. selbst gestaltet. Wir sind da nicht festgelegt. Wichtig ist das alle damit zufrieden sind und ein rundes, harmonisches Gesamtwerk entsteht. Wir verstehen es als Selbstverständlichkeit aktiv an etwas beteiligt zu sein. Die Hebel selber zu betätigen ist manchmal hart, aber nur so können wir tun was wir für wertig empfinden.

T: Wenn ich nochmal etwas einwerfen darf: wie Julius ja schon erwähnt hatte, habe ich mich früher sehr mit der damaligen HipHop-Kultur verbunden gefühlt. Da war es meistens so, dass wenn du neue Menschen kennengelernt hast, gefragt wurde „und was machst du, Graffiti, DJing, Breakdance oder MCing?“ Ich denke, das ist bei mir auch irgendwie haften geblieben – immer aktiv an etwas mitzuwirken, mitzugestalten und nicht ausschließlich Musik und Kunst zu konsumieren.

H: Warum Tape?

J: Aus mehreren Gründen ist die Kassette das präferierte Format unserer Wahl. Da wir uns entschieden haben kein rein digitales Label zu sein, sondern uns die Wertigkeit eines handfesten Formats am Herzen liegt, ist es eigentlich alternativlos. Kleine Auflagen auf Vinyl sind heute schwer zu bezahlen und seit der Übersättigung an Vinyl seitens der großen Labels ist das Format denen überlassen die es bezahlen können.

Tim Greifelt und Julius Ménard

Seit jeher war die Kassette das interessanteste Format, welches individuell gestaltbar, robust und letztlich rentabel ist. Nebenbei sind wir nostalgische Kinder der 80er und 90er und lieben immer noch unsere Walkmans.

H: Wikipedia sagt: „Als Grisaille (französisch für Eintönigkeit, abgeleitet von französisch gris ‚grau‘) bezeichnet man eine Malerei, die ausschließlich in Grau, Weiß und Schwarz ausgeführt ist.“ Warum heißt euer Label so? Was fasziniert euch daran?

T: Ich habe immer schon sehr viel mit der Farbe grau gearbeitet, habe zum Beispiel auch Holzschnitte gemacht in schwarz und weiß, also den Grundkomponenten des Graus. Als Julius und ich überlegt haben, ein Kassettenlabel zu gründen, fiel mir ziemlich schnell der Name (grisaille, französisch für grau) ein und hab ihn vorgeschlagen. Als wir darüber sprachen sind wir zu dem Punkt gekommen, dass es nicht nur gut klingt (also vom Klang, ästhetisch gesehen), sondern auch das ausdrückt, was, wie soll ich sagen, die Philosophie hinter unserer Idee ist oder sein könnte.
Grau drückt für mich, ich glaube da spreche ich aber für uns beide, das Wesentliche aus. Grau ist eine Vermischung von schwarz und weiß, also primär gesehen von zwei Gegensätzen, wie es ja in vielen Kulturkreisen so gesehen wird. Also eine Art Amalgamierung und schließt dadurch eigentlich nichts aus, es vereint und das wollen wir ja auch. Puh – klingt ziemlich hochgegriffen aber im Prinzip ist es das. Auf der anderen Seite kann Mensch jede andere Farbe in grau mischen und blaugrau, grüngrau und so weiter entsteht und ist dadurch beliebig erweiterbar. Wie letztendlich auch die Musik mit der wir uns beschäftigen und die Menschen, die Musiker*innen und die die es wiederum aufnehmen. Wir wollen auch, wie das grau, beliebig erweiterbar sein. Bei dieser Betrachtungsweise, finde ich, wirkt grau doch gar nicht mehr so trist?!

H: Nerdtalk: Wie produziert ihr eure Tapes?

J: Ein Thema welches uns sehr beschäftigt. Wir dubben die Tapes selber, alles andere führt zu hohen Verkaufspreisen und vor allem zu viel zu langen Lieferzeit, da die Kassette ja nun auch nicht mehr ganz so unmodern ist. Ich dubbe alles über ein 3-Kopf-Tapedeck von Kenwood. Tim verwendet ein Pioneer CT-W208R. Soundtechnisch ist das wirklich gut, nur können wir alles nur jeweils 1:1 dubben. Dass nimmt sehr viel Zeit in Anspruch, was für mich kein Problem ist, da ich den ganzen Tag zu Hause bin. Tim macht dann ganz gerne mal Nachtschichten. Eigentlich läuft das parallel zum Alltag meist mit. Ich habe dann die Veröffentlichungenen im Schnitt 20-50 mal mitgehört. Meiner Erfahrung nach wächst mir so jedes Release sehr ans Herz. Beim jeden Hördurchgang fallen mir neue Nuancen auf und manche erkenne ich erst nach dem zehnten Durchlauf. Die Cover werden gestaltet und mit dem Risographen gedruckt von sehr guten Freunden Hendrik und Julian Klein aka superkolor. Zu guter letzt wird meist abends gefalzt, gefaltet, Download-Codes ausgeschnitten und Sachen verschickt.

H: Wie wählt ihr eure Artists/Releases aus?

J: Ich bin es der Künstler*innen auf- und aussucht und kontaktiere. Mein Hintergedanke für das Label ist es, eine Platform zu haben, um meine eigene Musik auf Tape zu veröffentlichen. Mir geht es aber vor allem darum, mit Menschen in Kontakt zu kommen und dass klappt hiermit ausgezeichnet. Musiker*innen die mir gefallen und ich schon sehr lange verfolge schreibe ich an und nehme direkt Kontakt auf mit der expliziten Frage, ob wir ein Tape veröffentlichen können. Beim ersten Batch waren es hauptsächlich noch Freunde und Bekannte (Jeans Beast, Chemiefaserwerk, Emerge und Anja Kreysing). Ich bewundere jede/n einzelne/n Künstler*in und bin unfassbar froh mit denen zusammen arbeiten zu dürfen. Ich notiere mir beim Stöbern immer Namen und habe mittlerweile eine lange Liste von Menschen, die ich anschreiben werde.

H: Was kommt als nächstes?

J: Es stehen schon ein Dutzend Tapes fest. Das nächste Batch erscheint am 15. September und beinhaltet Modelbau, Ted Byrnes, Jon Mueller und wieder eins von mir. Danach kommen noch zwei Batches in diesem Jahr.

Etwas, das uns beschäftigt ist, dass wir zukünftig unseren Roster etwas diverser gestalten möchten. Beispielsweise haben wir bei den bisherigen Veröffentlichungen erst eine Frau dabei. Wir möchten mit Grisaille einen Raum schaffen, in dem Diversität möglich ist. Unserer Erfahrung nach besteht nach wie vor ein unausgewogenes Verhältnis und eine Überrepresentation des männlichen Geschlechts im Bereich experimenteller Musik. Wir hoffen, mit dem Label zukünftig einen Beitrag zu leisten, dies zu durchbrechen.

H: Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg!

Neben dem Label Grisaille betreiben Tim und Julius den Instagram-Account @the_record_of_the_week, in dem sie regelmäßig Platten vorstellen. Auch hier lohnt sich ein Blick!


Links:
https://grisaille.bandcamp.com
https://www.instagram.com/gr1saille
https://www.instagram.com/juliusmenard
https://www.instagram.com/the_record_of_the_week
https://superkolor.de

Diskografie:
GRISAILLE-01 Julius Ménard – Volta
GRISAILLE-02 Jeans Beast – Dans Le Village D’Or
GRISAILLE-03 Chemiefaserwerk – New Nacht Pop
GRISAILLE-04 Stadlmeier* / Kreysing* / EMERGE – Stadlmeier / Kreysing / EMERGE 
GRISAILLE-05 Nils Quak – Kamingespräche
GRISAILLE-06 Jeph Jerman – Albuquerque
GRISAILLE-07 Aidan Baker – Strung
GRISAILLE-08 Doc Wör Mirran – Kraut Mask Replica
GRISAILLE-09 Francisco López – 1983
GRISAILLE-10 Julius Ménard – L’Enfer C’est Moi

65 new ways of connecting with people

65daysofstatic sind schon lange eine wichtige Band im Postrockkosmos (zumindest in meiner Blase). Sie haben über die Jahre diverse Alben und EPs veröffentlicht, die „klassischen“, gitarrenlastigen Postrock mit IDM-Glitch-Breakbeat-Electronic-Gefrickel verbunden haben. Experimentelle Musik von einer stetig experimentierenden Band. Ziemlich toll und auf jeden Fall eine Empfehlung wert.

Nun geht es weiter mit den Experimenten. Heute haben 65dos angekündigt, dass im Herbst ein neues Album erscheinen wird. Ganz normal als Platte mit Label und allem Klimbim. Vorher aber – und zwar ab sofort – startet mit Unreleased/Unreleasable Vol.4 – A Year of Wreckage ein Subscription-Service, der uns ein Jahr lang regelmäßig neues Material verspricht.

U/U Vol. 4 liefert laut Band von Mai 2019 bis April 2020 den Kontext rund um die neue Platte – „It’s not filler, it’s the good stuff“. Das monatlich erscheinende Material ist in den letzten Jahren entstanden, teils als Musik, die den Rahmen des kommenden Albums gesprengt hätte, teils als Produkt diverser Experimente, z.B. mit algorithmischer Musikproduktion.

Die Subscription ist ab sofort für 30 britische Pfund klickbar unter http://65daysofstatic.bandcamp.com/subscribe
Als erstes Release kommt die Kazimir EP am 01. Mai 2019.


Und als wäre es mit den Experimenten noch nicht genug, hat die Band just ihren eigenen Podcast Bleak Strategies gestartet.


Die Band schreibt dazu:

Bleak Strategies is not music. It’s another effort to find new ways of existing as a band in the current, confused moment and so far is mostly us talking about the possibly interesting, often stupid reality of being in 65daysofstatic. FEEDBACK for this project is essential, so if you listen please let us know what you’d like to hear in future episodes and if you have other questions.

65daysofstatic im Newsletter vom 23.04.2019

Bleak Strategies gibt’s z.B. hier:
Apple Podcasts
Soundcloud
oder im Podcastclient deiner Wahl..

Ich finde den Ansatz sehr spannend, als Band mittels eines Podcasts einen Blick hinter die Kulissen zu ermöglichen und den Musikern quasi beim laut Denken zuzuhören. Wenn es dann auch noch klappt, Feedback von Hörer*innen aufzunehmen, eröffnet sich ein neuer Kanal, der jenseits von Facebook-Hauptsache-Likes-Content vielleicht wirklich neue Perspektiven auf die und aus der Band ermöglicht.

Vielleicht ist der Ansatz mit selbstkontrollierten Kanälen wie eben einem Subscription-Service über Bandcamp und einem Podcast auch eine vielversprechende Strategie in Sachen kreativer Autonomie. So kann eine Band auch neben einem Plattenvertrag (über den dann die regulären Alben erscheinen können) und irgendwelchen Management/Booking-Agenturen direkt und ungefiltert mit den Fans kommunizieren und Musik veröffentlichen, wann immer der Bedarf dafür besteht. Für eine Band wie 65daysofstatic, die schon seit Jahren über die normale Bandkonstellation hinaus aktiv sind und neue Wege erproben, Musik zu machen, zu spielen und zu veröffentlichen, scheint das unerlässlich – für alle anderen Bands eröffnet dies m.E. zumindest eine gewinnbringende Perspektive.

Faire Gagen für junge Bands

Alle Bands sollten immer eine faire Gage bekommen.

Diese Grundhaltung gegenüber jungen Bands begleitet mich in unterschiedlichen Projekten und Kontexten seit Jahren: Bei familiären Clubshows genauso wie bei kleinen und größeren Festivals.

Die Praxis zeigt leider, dass nach wie vor viele Veranstalter/innen gerade jungen Bands häufig keine fairen Gagen anbieten können (oder wollen). Teils kommt es noch schlimmer und es werden unsägliche Pay-To-Play-Modelle oder vergleichbare Abzockdeals angeboten.
Es ist selbstverständlich nicht in Ordnung, einer Band für ihren Auftritt keine Gage anzubieten. Und die Band für ihren Auftritt noch bezahlen zu lassen, ist unfair und ungehörig. Warum? Weil auch die junge Band viele Stunden im Proberaum verbracht hat, um die Stücke für den Auftritt zu proben. Weil sie viele Stunden damit verbracht hat, sich mit Themen wie Öffentlichkeitsarbeit, Konzertverträgen, GEMA, Urheberrecht, usw. usw. auseinanderzusetzen. Weil die junge Bands mit ihrem Auftritt die Kneipe voll macht und damit auch die Kasse durch Thekenumsatz. Weil der junge Supportact vor der internationalen Band auf Tour dem Club zumindest ein paar zahlende Gäste in den Laden bringt (und damit wieder Umsatz). Weil selbstverständlich auch die Musik von Nachwuchsbands einen „kulturellen Wert“ hat. Und nicht zuletzt, weil sich in einer fairen Gage für junge Bands auch eine Begegnung auf Augenhöhe und eine Anerkennung des eigenen Engagements widerspiegelt.

Die Frage, wann eine Gage „fair“ ist, ist natürlich kaum pauschal zu beantworten. Ich gehe immer von dem Grundgedanken aus, dass eine (Nachwuchs-)Band mindestensdie unmittelbar mit dem Auftritt verbundenen Kosten (z.B. Fahrtkosten, Verbrauchsmaterial, Werbung) damit decken können sollte. Ist eine Band schon so weit, ihren Lebensunterhalt mit ihrer Musik zu bestreiten, sind die Fixkosten natürlich viel höher und die Gagenkalkulation auf Veranstalterseite sollte dies auch berücksichtigen. Die tatsächlichen Beträge können dann natürlich stark variieren und sind natürlich von vielen Faktoren abhängig – zum Beispiel der Frage, ob das Konzert irgendwie „öffentlich“ gefördert wird, etwa vom Kulturamt einer Stadt oder sonstigen Stellen. Ist dies der Fall, müssen natürlich schon bei der Beantragung der Förderung garantierte Gagen für die Band einkalkuliert werden. Zusätzlich kann es natürlich trotzdem noch einen Doordeal  geben (also eine prozentuale Beteiligung an den Eintrittseinnahmen).

Ich würde sogar noch weiter gehen und die Grundhaltung erweitern wollen:

Alle Bands sollten immer eine faire Gage bekommen. Außerdem bekommt jede Band selbstverständlich ein vernünftiges Catering und vernünftige technische Rahmenbedingungen.

Es scheint mir vollkommen inakzeptabel, Bands bei einem Auftritt für ihr Catering und ihre Getränke zahlen zu lassen. Klar ist es bei vielen Veranstaltung finanziell nicht drin, ein Mehr-Gänge-Catering oder unbegrenzt Wunschbestellungen von der Pizzabude umzusetzen. Es sollte aber immer möglich sein, den Bands ein solides Catering zu bieten: Nachmittags zum Soundcheck Kaffee, Softdrinks, Brötchen und Snacks und vor dem Konzert eine warme Mahlzeit. Eine Kiste Bier sollte dann für den Abend auch noch drin sein. Bislang konnten wir das bei wirklich jeder Veranstaltung realisieren – es gab durchaus Konzerte, wo wir mit 40€ für 20 Personen gekocht haben und alle satt und zufrieden waren.

Abschließend noch eine kleine Geschichte:
Manchmal treibt das mit den Gagen aber auch ziemlich seltsame Stilblüten. Kürzlich sprach ich mit einer jungen Band (solider, aber unspektakulärer deutschsprachiger PopRock; viele lokale und einige regionale Konzerte; Release des ersten Albums Ende April 2017) über ein Booking. Es ging um einen einstündigen Auftritt auf der Nachwuchsbühne bei einem kleinen Stadtfest in einem 60 km entfernten Ort.

Für diesen Auftritt hat die Band dann 900€ aufgerufen. Was leider vollkommen unrealistisch ist. Das Budget der Veranstaltung gibt maximal 400-500€ pro Band her, was für Nachwuchsbands in diesem Setting m.E. auch eine ziemlich faire Gage ist. Die Band war da leider anderer Meinung, mit der Begründung, sie hätten bereits so hohe Kosten für die Produktion des Albums gehabt und müssten diese nun wieder reinholen. Das hätten ihnen auch die Marketing-Menschen von dem Vertrieb geraten, der das noch erscheinende Album vertreiben wird. Der Auftritt sei die geforderten 900€ aber auch auf jeden Fall wert: „perfekt ausgearbeitete Show, die Leute gehen garantiert ab“. Außerdem würde der Release des Albums von so intensiver Pressearbeit begleitet werden, dass allein wegen besagter Band viele Besucher/innen zu dem Stadtfest kommen würden.
Da die Band aber bisher im Ort des Stadtfestes noch nicht gespielt hat, dürfte die Zahl der tatsächlich zu erwartende Besucher/innen, die extra wegen ihnen zum Konzert kommen, vermutlich eher gering sein. Zumal das Stadtfest an der Abendkasse 10€ Eintritt kostet, wodurch gerade viele Jugendliche tendenziell abgeschreckt werden.
Interessant war, dass die Band selbst sagte, bisher meist in Jugendzentren oder ähnlichen kleineren Läden für deutlich geringere Gagen gespielt zu haben – nun aber auf Anraten des Vertriebes die eigenen Gagenvorstellungen nach oben justiert hat. Das Unternehmen macht übrigens in Zukunft auch das Booking für die Band. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Es drängt sich die Frage auf, ob hier die Unerfahrenheit – gepaart mit einer leicht realitätsfernen Selbsteinschätzung der eigenen Reichweite –  einer jungen Band ausgenutzt wird. Oder anders: Es stellt sich die Frage, ob hier eine Nachwuchsband  von einem kommerziellen Unternehmen verheizt wird.

In diesem Fall führte die übersteigerte Gagenvorstellung der Band jedenfalls dazu, dass eine andere Band gebucht wurde. Die leider mit der Forderung verbundene fehlende Verhandlungsbereitschaft wird wohl auch dazu führen, dass die Band auch für andere Konzertoptionen nicht gebucht wird. Schade eigentlich.

Spotify Free – ein Erlebnisbericht

Wie sehr viele andere Menschen nutze ich Spotify*. Regelmäßig und gerne – häufig zum Beispiel, um neue Musik zu hören, auf die mich Freunde, das Netz und gelegentlich auch noch Printmedien hinweisen. Tatsächlich kaufe und höre ich nach wie vor viele Platten (eigentlich nur noch Vinyl), aber zum mal eben schnell reinhören und niedrigschwelligen Kennenlernen von neuer Musik ist Spotify schon ein tolles Tool.

Solange man einen Premium-Account nutzt.

Neulich dachte ich mir, den 10er im Monat könnte ich mir ja auch mal sparen und habe daher meinen Premium-Account gekündigt. Ich habe danach noch vier Anläufe gestartet, mir gezielt einen Song oder ein Album auf Spotify anzuhören. Leider ist die „free“-Variante von Spotify dafür gänzlich ungeeignet. Die andauernde Werbung nervt wirklich. Ok, das ist der Preis dafür, dass der Dienst dann nichts extra kostet. Das ist schwer zu ertragen, wäre aber dank eines schnellen Fingers auf dem Mute-Knopf vielleicht noch zu verkraften.
Was aber ein absolutes Ausschlußkriterium ist: Die kostenlose Variante von Spotify bietet nur (noch – war das nicht früher mal anders?) eine Shuffle-Funktion. Es ist also reines Glück, ob ich den gewünschten Song direkt hören kann oder erst diverse andere Songs (und Werbung) über mich ergehen lassen muss.**

Der Dienst ist in meinen Augen damit unbenutzbar. Ich frage mich wirklich, wer die Zielgruppe dafür sein soll? Radiohörer/innen, die die Musik nur als Hintergrundgedudel laufen lassen und die nicht die Bohne interessiert, was das kommt? Oder gibt es dafür noch eine Zielgruppe, die sich mir nicht erschließt?

Ich betrachte das Experiment jedenfalls als gescheitert auf ganzer Linie und überlege nun, Spotify endgültig den Rücken zu kehren. Oder klicke ich mir doch wieder einen Premium-Account?.

*  Spotify hatte nach eigenen Angaben im Juni 2016 100 Millionen User.Im September 2016 wurde bekannt gegeben, dass 40 Millionen User einen bezahlten Account nutzen.

**  Ich wurde von Frederik (Danke!) darauf hingewiesen, dass die Shuffle-Problematik nur bei der App für’s Smartphone auftritt. In der Desktop-Variante funktioniert die direkte Auswahl von Songs noch. (Meine Nerven haben offensichtlich nicht mal gereicht, um bis dahin zu testen..).

Warum Bandcontests ein Problem sind

Bandcontests. Wer selbst Musik macht oder Musikerfreunde hat oder sich auch nur für Konzerte mit lokalen/regionalen Bands interessiert wird früher oder später mit Bandcontests in ihren verschiedenen Ausprägungen konfrontiert.[1]

Bandcontests gibt es unterschiedlichen Varianten. Die einfachste: Eine Reihe wie auch immer ausgewählter Bands spielt ein gemeinsames Konzert und je nach Zustimmung (Applaus+Gebrüll) aus dem Publikum gewinnt eine davon. Komplexere Varianten sehen Juryentscheidungen, Onlinevotings, geheime Publikumsabstimmungen, Expertenmeinungen oder beliebige Kombinationen aus all diesen Möglichkeiten vor. Was allen Contests bleibt: Es gibt eine Gewinnerband, manchmal auch noch zweite und dritte Plätze, aber irgendwer gewinnt immer irgendetwas.

Warum das problematisch ist? Zunächst, weil Bewertungsverfahren bei Contests nie fair ablaufen. Sobald zum Beispiel in irgendeiner Form das Publikum „abstimmen“ darf, gewinnt mit großer Wahrscheinlichkeit die Band, die die meisten Fans und Freunde zum Konzertbesuch motivieren kann. Also in der Regel eine Band aus dem Ort, wo das Konzert stattfindet. Auswärtige Bands sind also – obwohl oftmals sicher musikalisch und von der Darbietung nicht schlechter – von Vornherein benachteiligt. Natürlich kann man an dieser Stelle argumentieren, dass musikalische Qualität überzeugt, die Erfahrung zeigt aber, dass „friends&family“ hier ein viel stärkerer Einflussfaktor sind und nur in absoluten Ausnahmefällen die Besucher gegen „ihre“ Band stimmen. Gleiche Effekte treten auch bei allen Juryentscheidungen auf: Auch diese bewertet (natürlich) subjektiv, wodurch abwegigere Musikrichtungen und Showkonzepte tendenziell schlechtere Karten haben. Alles in allem ist eine objektive Bewertung der Show einer jungen Band kaum sinnvoll möglich und sei es, weil sich der Gitarrist der zweiten Band im Catering vorgedrängelt hat und für das Jurymitglied dann kein Kaffee mehr in der Kanne war.

Über das Bewertungsdilemma hinaus geht die Frage, wie authentisch eine Band auftritt, wenn sie weiß, dass die Show von Publikum oder Jury bewertet wird. Die Erfahrung zeigt, dass Musiker/innen in so einer „Prüfungssituation“ teils stark unter Druck stehen, worunter die Darbietungsqualität sehr leiden kann. Außerdem verhalten sich die Bandmitglieder angepasster, zum Beispiel gegenüber Veranstaltern und Jurymitgliedern. Dies führt wieder zu Schwierigkeiten, wenn es beispielsweise darum geht, die Band als Gesamtpaket zu bewerten (also auch über die eigentliche Show hinaus).

Problematisch ist auch, dass eine Band (zumindest bei professionell organisierten Contests) häufig mindestens nicht-exklusive Verwertungsrechte an die Veranstalter/innen abtreten müssen. Und das in der Regel zeitlich unbegrenzt und mit irgendwelchen Zusatzklauseln: Beispielsweise darf die Band den eingereichten Song nicht anderweitig nutzen, z.B. für eigene Werbemaßnahmen im Lokalradio. Oder gar: Die Veranstalter/innen dürfen die Verwertungsrechte uneingeschränkt an „Partner“ weitergeben, also z.B. an Sponsoren für deren Werbemaßnahmen. Natürlich ist es sinnvoll, die Nutzung von Material rechtlich zu regeln, aber dies sollte doch keinesfalls zu Lasten derjenigen gehen, um die es bei dem ganzen Contestding doch eigentlich geht: Die Bands.

Ein weiteres zentrales Problem an Contests ist, dass sie die Konkurrenz zwischen Bands befeuern. Zweifellos steht eine Band, die ambitioniert zu Werke geht, aber sowieso in einem hohen Konkurrenzdruck: Bühnenshow und Sound sollen unbedingt besser sein, als die der anderen Wasauchimmer-Band, die drei Räume weiter im gleichen Proberaumzentrum probt. Booker wollen überzeugt werden, warum ausgerechnet diese Band aus der Masse hervorsticht und gebucht werden sollte. Die Onlinepräsenz muss mehr Klicks generieren, als bei der Wasauchimmer-Band usw. Allerspätestens, wenn es darum geht, mit Musik die Miete zu verdienen, ist klar, dass es sich um ein Geschäft mit großer Konkurrenz handelt.

Was die Musikszene[2] sicher nicht braucht: Noch mehr (künstlich geschaffene) Konkurrenz! 

Im Gegenteil: Kooperation und gegenseitige Unterstützung ist gefragt. Band X profitiert in jedem Fall mehr von einem aktiven Konzertaustausch mit anderen Bands, als von einem Contest, bei dem sie Kinogutscheine oder 200€ für den nächsten Einkauf im Musikhaus (oder, wenn es mal etwas größer wird: einen Studioaufenthalt) gewinnen. Natürlich bringen auch diese Preise gerade sehr jungen Bands etwas, langfristig ist aber die Vernetzung von Bands und das gemeinsame Auftreten erfolgversprechender. Insbesondere, da realistisch betrachtet der allergrößte Teil der jungen Bands aus dem Feld der populären Musik sowieso niemals rockstarmäßig in Stadien spielen wird, sondern eher auf kleinerem Level aktiv bleibt. Hier zählt dann – neben dem Zusammenspiel mit der Band an sich – vor allem, live zu spielen. Gerne häufig, vor Publikum, dass da ist, um die Band(s) zu hören, mit gutem Sound und anderen Bands, mit denen man sich gut versteht.

Eine spannende Frage bleibt allen Contests gemein: Warum glaubt eigentlich jede/r, die/der einen Contest veranstaltet, dass genau ihr/sein Format das richtige und gerade ganz aktuell wegweisende Modell ist? Liest man die Selbstbeschreibungen, darf man zur Kenntnis nehmen, dass ausgerechnet dieser Contest jetzt das einzig Wahre ist. Mit der einzig wahren Expertenjury, die diesmal wirklichdie allerbestevon allen Nachwuchsbands findet und auszeichnet.

Eigentlich erstaunlich, dass der Output an wegweisenden und erfolgreichen Bands aus dem Münsterland, NRW, Deutschland nicht an den von musikfreundlichen Nationen (wie z.B. Schweden) heranreicht, wo doch hier ständig die Besten der Besten auserkoren und mit total hilfreichen Preisen bedacht werden.

Fazit: Bandcontests abschaffen! 

Ja, dieser Text ist polemisch und unreflektiert. Aber im Wesentlichen bleibt: Wenn ihr junge Bands unterstützen wollt, geht auf ihre Konzerte, kauft ihre Platten und erzählt euren Freunden davon.

Und sowieso:

Geht mehr auf Konzerte!

Update: Kommentare sind hier natürlich gern gesehen! Wie steht ihr zum Thema Bandcontests?


[1] Dieser Text ist auf Basis von Erfahrungen und Diskussionen im Rahmen der Initiative muensterbandnetz.de entstanden. Vielen Dank an das tolle Team!
[2] Natürlich gibt es nicht „die“ Musikszene, gemeint sind hier alle Szenen, die im weitesten Sinne dem Bereich der populären Musik zuzuordnen sind.