Durch Kunst geweitetes Bewusstsein

Marion Poschmann im Gespräch mit Sandra Poppe und Katja Schaffer zum WORTMELDUNGEN-Literaturpreis 2021 für ihren Essay „Laubwerk“:

Literatur kann neue Möglichkeiten des Denkens erproben. Sie kann wacher, sensibler, klüger machen, sie erweitert, kurz gesagt, das Bewusstsein. Ich sehe es nicht als vordringlichste Aufgabe der Kunst, gesellschaftspolitische Fragen zu beantworten. Aber in einem durch Kunst geweiteten Bewusstsein lassen sich im Zweifelsfall die besseren Antworten auf jegliche Fragen finden.

Poschmann, Marion (2021): Laubwerk. Verbrecher Verlag, Berlin (56)

Produktiver, nicht freier

Die Vervielfältigung von Technologien im Namen der Effizienz vernichtet in Wahrheit freie Zeit, indem es diese Technologien ermöglichen, Zeit und Raum für die Produktion zu maximieren und die unstrukturierte Reisezeit dazwischen zu minimieren. Neue Zeitspartechnologien machen die meisten Arbeiterinnen und Arbeiter in einer Welt, die sich um die herum zu beschleunigen scheint, produktiver, nicht freier.

Die Effizienzrhetorik, die diese Technologien begleitet, suggeriert zudem, dass nicht wertgeschätzt werden kann, was nicht quantifiziert werden kann – dass dieses ganze Feld von Freuden, die unter die Kategorie des Nichts-Besonderes-Tun, des Tagträumens, Wolkenschauens, Wanderns, Schaufensterbummelns fallen, nichts als Leerstellen wären, die mit etwas Bestimmteren, Produktiverem oder Schnellerem gefüllt werden sollten.

aus:
Rebecca Solnit (2019): Wanderlust. Eine Geschichte des Gehens. Berlin, Matthes & Seitz (S. 16)

Die Wiederentdeckung der Bibliothek

Ich habe die Bibliothek für mich wiederentdeckt. Nachdem ich viele Jahre diverse (Uni-)Bibliotheken sehr intensiv genutzt habe, war irgendwie für einige Jahre Pause. In der Zeit habe ich sehr viele Bücher gekauft, größtenteils als Print, teilweise als eBooks.

Vor einigen Monaten war ich dann mal wieder in der Stadtbücherei Münster, um für Kind 1.0 und mich Ausweise machen zu lassen. Kind 1.0 liest sehr gerne und hat die kleine Gemeinde-Bücherei bei uns im Dorf quasi durchgelesen. Es wurde also Zeit für mehr Auswahl.

Seitdem sind wir mehrfach zusammen in der Bib gewesen und haben dort teils Stunden verbracht. Kind 1.0 sucht durch die Regale, schnappt sich ein interessantes Buch und verschwindet in irgendeiner Sitzecke. Ich habe schon eine ganze Reihe Bücher ausgeliehen, die ich mir vermutlich eher nicht selbst gekauft hätte, nun aber einfach lesen konnte. Und vor allem: Die Bibliothek schafft einen tollen Rahmen. Auch wenn es in der Stadtbücherei immer ein bisschen wuselig ist und die gute Laune in der Kinderabteilung im Keller manchmal durch durchs ganze Haus zu hören ist, finde ich den Ort einfach gut. Es ist so eine lese-produktive Atmosphäre dort. Zuhause komme ich manchmal durch das ganze Gewusel mit den Kids gar nicht dazu, in Ruhe ein Buch in die Hand zu nehmen. Manchmal sitze ich jetzt also für 2 Stunden in der Bibliothek und lese einfach schon mal in ein Buch rein, was ich dann oft auch ausleihe. Die weitgehende ablenkungsfreie Atmosphäre ist sehr angenehm und entspannend.

Und was ich alles schon für schräge Bücher und Themen entdeckt habe beim Durchklicken des Katalogs, aber vor allem bei dem Regale auch mal nebenan durchschauen. Toll!

Die kulturellen und sozialen (und damit auch politischen) Dimensionen einer Bibliothek will ich hier gar nicht detaillierter aufmachen – zweifellos tragen sie wesentlich zur kulturellen Teilhabe, zur Selbstermächtigung durch Wissensvermittlung und zur Entdeckung und Entwicklung ganz neuer persönlicher Interessen und Fähigkeiten der Besucher*innen bei. Und die dort verorteten programmatischen Bausteine (Workshops, Lesungen, etc.) sind in aller Regel im besten Sinne Kultur für alle. Die Bedeutung einer Bibliothek kann gar nicht genug geschätzt werden – gerade dort, wo das Netz aus kultureller Infrastruktur und „Bildungsoptionen“ eher dünn ist. Oft also auf dem Land. Nicht umsonst sind eine Reihe Bibliotheken im Programm „Dritte Orte“ des Landes NRW in der Förderung.

Anekdotische Evidenz für meine neu erwachte Bibliotheksbegeisterung liefert auch die sehr gute Band Superpunk. Superpunk (bzw. Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen als Nachfolgeprojekt) haben für praktisch jede Lebenslage ein passendes Lied auf Lager. So auch hier.

“Ein leichter Muff aber erhabene Stille
Und niemand lacht über die neue Brille
Der beste Ort, an dem ich je gewesen
Gut geheizt und immer was zu lesen
Willst du das System durchschauen
Oder einfach nur ein Flugzeug bauen

Ich lieb die Bibliothek

(…)

Willst Du dich amüsieren
Oder willst Du den Verstand verlieren
Die Bibliothek öffnet jede Tür
Befriedigung gegen geringe Gebühr
Samstags geöffnet bis um vier
Wenn Du mich willst, findest Du mich hier”