Tuba|Doom|Drone

Foto: ORE (http://www.oretubadoom.com)

Eine Tuba weckt bei mir immer noch vor allem Assoziationen mit irgendwelchen Blaskapellen, die im Schützenfestmodus durch Dörfer marodieren und seltsame Musik mit seltsamen Bräuchen verbinden. Quasi the dark side of tuba.

Kürzlich bin ich glücklicherweise über the really dark side of tuba gestolpert. ORE nämlich, ein Projekt von dem britischen Tubisten Sam Underwood, der mit der Tuba in düstere Doomwelten hinabsteigt und mit „Belatedly“ ein richtig tolle Platte gemacht hat.

Die Drones, die Underwood hier (mit Support durch weitere Musiker*innen mit u.a. Posaune, Kontrafagott und Baritonhorn) erzeugt, lassen unwillkürlich an sehr langsam durch Raum und Zeit gleitende, gigantische schwarze Raumschiffe denken. Die Platte könnte ohne weiteres auch Soundtrack für einen dystopischen Science Fiction-Film sein. Gleichzeitig schälen sich Hoffnung machende Melodien aus den Tracks, die der Hörerin mitgeben: Die Tuba ist nicht verloren an die Schützenvereine – sondern ein spannendes Instrument mit faszinierenden Möglichkeiten.

Unbedingte Hör- und Kaufempfehlung!
Gibt es digital direkt bei ORE auf Bandcamp und als Vinyl bei Box Records.

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Dust Trap Happiness – Experimentelles 2018

In diesem Jahr sind mir wieder eine ganze Reihe Alben/Künstler*innen begegnet, die sich grob in die Schublade Experimentelle Musik einsortieren lassen. Fünf besonders tolle/spannende Releases davon werfe ich mal hier rein – mit einer unbedingten Hörempfehlung. Vorzugsweise in Albumlänge und mit Kopfhörer natürlich.

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Unland – Betrachtungen
VÖ: 01.11.2018
Label: Space Edition

Unland haben im November ihr neues Album „Betrachtungen“ veröffentlicht. Es knüpft musikalisch und von der Stimmung direkt an „Die Ruhe nach dem Sturm“ von 2016 an: Mit Piano, Gitarre, Klarinette und Elektronik bauen Unland wunderbar dunkle Soundscapes – irgendwo zwischen Darkjazz, Ambient und Klassik. Das Album gibt’s bisher nur digital, CDs kommen noch – Vinyl und Tape sind erstmal nicht geplant. Anspieltipp: Emerging Land.

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Langham Research Centre – Gateshead Multi-Stores Car Park
VÖ: 15.10.2018
Label: Econore

Das Langham Research Centre macht schon seit 2003 experimentelle elektronische Musik, u.a. mit Tapeloops und allerlei anderer vermeintlich obsoleter Technik. Das vorliegende Tape dreht sich komplett um ein Parkhaus in Gateshead im Nordosten Englands. Das besagte Parkhaus wurde 2010 abgerissen, vorher aber haben die Musiker von LRC dort noch jede Menge Sounds und diverse Interviews aufgenommen, die dann – stark bearbeitet – zu einer gut 18-minütigen Collage verarbeitet wurden. Die Atmosphäre des Stücks ist gleichermaßen bedrückend wie sentimental, zumal die interviewten Personen das Parkhaus trotz seiner ziemlich fiesen brutalistischen Architektur irgendwie positiv konnotieren. Die B-Seite des Tapes enthält mit „Ramco’s No-Word Edit“ quasi die Instrumentalversion, in der die kalte, betonhafte Atmosphäre noch deutlicher wird.
Das Tape ist bei Econore erschienen und ziemlich schick aufgemacht.

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Raune – Sinister Love
VÖ: 10.11.2018
Label: Econore

Delaygetränke Drone-Noise-Zerstörungsmischung. Toll! Anspieltipp: Laut!

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Institute of Landscape Architecture – Melting Landscapes
VÖ: 14.05.2018
Label: –

Musik von Landschaftsarchitekten? Released direkt vom Lehrstuhl an der Uni? Klingt komisch? Ist aber ein wirklich tolles Release mit richtig gutem Konzept. Eine Gruppe Studierende vom Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur bei Professor Christophe Girot an der ETH Zürich hat sich über einen längeren Zeitraum akustisch (und fotografisch) mit dem Morteratschgletscher in den Schweizer Alpen beschäftigt. Mit Kontaktmikros und Hydrophonen wurde ein akustisches Porträt des schmelzenden Gletschers eingefangen. Das daraus entstandene Album ist faszinierend und beklemmend, weil es die fortschreitende Zerstörung des Eises dokumentiert und so vor der bevorstehenden Klimakatastrophe warnt. Unbedingte Hörempfehlung, definitiv Fieldrecording-Release des Jahres!

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Philip Sulidae – Glass
VÖ: 01.11.2018
Label: verz

Das Album „Glass“ entstand u.a. aus diversen Fieldrecordings von Lüftungsschächten und Klimaanlagen. Philip Glass zeigt, was mit geschicktem Arrangieren und Bearbeiten von „Noise“ alles möglich ist. Anspieltipp: „Dust Trap Happiness“

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Platten des Jahres 2017

Eigentlich halte ich es ja mit einem Zitat von Greg Cassius aus dem Buch Dust & Grooves. Adventures in Record Collecting:

„Questions like favorite album/artist/genre/label/cover are utter bullshit. People less consumed with music can easily give you those answers, but I (and those of my tribe) simply cannot, and that’s just the way it is.“

Aber irgendwie war mir danach, bei all den drohenden Jahresrückblicken und Bestenlisten auch mal aufzuschreiben, welche Platten für mich in diesem Jahr besonders wichtig waren. Hier nun also meine „Platten des Jahres“ 2017..
Die Reihenfolge besagt natürlich garnix.


Quicksand – Interiors

VÖ: 10.11.2017
Label: Epitaph Europe

Das erste Quicksand-Album nach 22 Jahren! Die Post-Hardcore-Legenden um Walter Schreifels haben mit Interiors ein Album hingelegt, das so klingt, als wären sie nie weg gewesen. Richtig gut! Anspielttipp: Cosmonauts!


Godspeed You! Black Emperor – Luciferian Towers

VÖ: 22.09.2017
Label: Constellation Records

Zwei Jahre nach Asunder, Sweet and Other Distress kam im September endlich ein neues Album von Godspeed You! Black Emperor. Ich hab sie seit der letzten Platte zweimal live gesehen und es war jedes mal hervorragend. Das neue Album Luciferian Towershält die Messlatte hoch. Postrock in Blaupausenform – GY!BE sind immer noch eine der besten Bands des Genres. Anspieltipp: Anthem For No State

Und: Wann immer ihr die Gelegenheit bekommen solltet, GY!BE live zu sehen: Hingehen!


The World Is A Beautiful Place & I Am No Longer Afraid To Die – Always Foreign

VÖ: 29.09.2017
Label: Epitaph Europe

The World Is A Beautiful Place And I Am No Longer Afraid To Die sind bisher aus irgendwelchen Gründen nie wirklich auf meinem Radar aufgetaucht. Rätselhafterweise hab ich die irgendwie immer verdrängt – obwohl der wunderbar lange Bandname mich als alten Postrockbandnamengutfinder ja eigentlich hätte rumkriegen müssen. Naja, rumgekriegt haben sie mich mit dem aktuellen Album Always Foreign – dafür dann aber so richtig. Ein tolle Indie-Platte mit Emo/Postrock/Postwhatever-Anleihen. Anspieltipp: Faker


Hot Water Music – Light It Up

VÖ: 15.09.2017
Label: Rise Records

Hot Water Music sind zurück! Gainesville-Emocore-Hymnen at it’s best! Light It Up klingt wie früher. Und das im besten Sinne. („Klingt wie früher“ klingt aber auch echt nach Opa erzählt vom Krieg – ich glaub‘ ich werde alt. Aber die Band begleitet mich halt auch schon ewig..)
Als im Zuge des Releases ein paar Shows für Deutschland angekündigt wurden, hab ich natürlich gleich ein Ticket für Köln geklickt. HWM hab ich zuletzt vor x Jahren in gesehen – auch in Köln und es war richtig toll. Support in Köln ist übrigens Tim Barry von den legendären Avail. Noch gibt es Tickets – also schnell zugreifen.
Anspieltipp: Never Going Back


Mogwai – Every Country’s Sun

VÖ: 01.09.2017
Label: Temporary Residence

Mogwai haben mit Every Country’s Sun ein ziemlich elektronisches Album gemacht. Beim ersten Hören hat mich Party In The Dark mit seinem fast schon poppig-fröhlichen Gesang und die klebrigen Synthies in diversen Tracks etwas überrumpelt und ich hatte schon spontane Plattenangst*. Zig Durchläufe später hat sich diese aber längst verflüchtigt und mittlerweile ist die Platte tatsächlich für mich ein richtig gutes Album. Die Synthiespielereien reichern den Sound so an, dass auch beim 42. Durchlauf noch neue Details zu entdecken sind. Funktioniert besonders gut auch mit einem Kopfhörer.
Hinten raus wird’s dann teils auch nochmal richtig krachig, wie etwas bei Old Poisons.
Anspieltipp: Battered At A Scramble


*Plattenangst ist die Angst, dass man plötzlich die neue Platte einer sehr geschätzten Band nicht mehr gut findet. Tritt üblicherweise beim ersten Hören auf. Einzig mögliche Therapieform: Platte ganz oft hören, manche Platten wachsen dann ins Hirn und ans Herz. Es gibt aber natürlich auch welche, die auch nach dem 23. Durchlauf nicht überzeugen.

Adrian Hermes – s/t

Meine werte Verwandtschaft (in Form meines Lieblingsostfriesenberliners) hat sich mal wieder musikalisch betätigt. Im Februar erschien nämlich endlich das selbstbetitelte Debüt-Album von Adrian Hermes! Feiner Lo-Fi-Indie-Kram mit Gitarre, Bass, Drummachines, Synthies und starker 80/90er-Indie-Note.
Von A-Z selbst produziert und auf dem eigenen Label LoFi Industries veröffentlicht.

Unbedingt mal reinhören und bei Gefallen auf Bandcamp kaufen!
Hier auch auf Facebook.

Faire Gagen für junge Bands

Alle Bands sollten immer eine faire Gage bekommen.

Diese Grundhaltung gegenüber jungen Bands begleitet mich in unterschiedlichen Projekten und Kontexten seit Jahren: Bei familiären Clubshows genauso wie bei kleinen und größeren Festivals.

Die Praxis zeigt leider, dass nach wie vor viele Veranstalter/innen gerade jungen Bands häufig keine fairen Gagen anbieten können (oder wollen). Teils kommt es noch schlimmer und es werden unsägliche Pay-To-Play-Modelle oder vergleichbare Abzockdeals angeboten.
Es ist selbstverständlich nicht in Ordnung, einer Band für ihren Auftritt keine Gage anzubieten. Und die Band für ihren Auftritt noch bezahlen zu lassen, ist unfair und ungehörig. Warum? Weil auch die junge Band viele Stunden im Proberaum verbracht hat, um die Stücke für den Auftritt zu proben. Weil sie viele Stunden damit verbracht hat, sich mit Themen wie Öffentlichkeitsarbeit, Konzertverträgen, GEMA, Urheberrecht, usw. usw. auseinanderzusetzen. Weil die junge Bands mit ihrem Auftritt die Kneipe voll macht und damit auch die Kasse durch Thekenumsatz. Weil der junge Supportact vor der internationalen Band auf Tour dem Club zumindest ein paar zahlende Gäste in den Laden bringt (und damit wieder Umsatz). Weil selbstverständlich auch die Musik von Nachwuchsbands einen „kulturellen Wert“ hat. Und nicht zuletzt, weil sich in einer fairen Gage für junge Bands auch eine Begegnung auf Augenhöhe und eine Anerkennung des eigenen Engagements widerspiegelt.

Die Frage, wann eine Gage „fair“ ist, ist natürlich kaum pauschal zu beantworten. Ich gehe immer von dem Grundgedanken aus, dass eine (Nachwuchs-)Band mindestensdie unmittelbar mit dem Auftritt verbundenen Kosten (z.B. Fahrtkosten, Verbrauchsmaterial, Werbung) damit decken können sollte. Ist eine Band schon so weit, ihren Lebensunterhalt mit ihrer Musik zu bestreiten, sind die Fixkosten natürlich viel höher und die Gagenkalkulation auf Veranstalterseite sollte dies auch berücksichtigen. Die tatsächlichen Beträge können dann natürlich stark variieren und sind natürlich von vielen Faktoren abhängig – zum Beispiel der Frage, ob das Konzert irgendwie „öffentlich“ gefördert wird, etwa vom Kulturamt einer Stadt oder sonstigen Stellen. Ist dies der Fall, müssen natürlich schon bei der Beantragung der Förderung garantierte Gagen für die Band einkalkuliert werden. Zusätzlich kann es natürlich trotzdem noch einen Doordeal  geben (also eine prozentuale Beteiligung an den Eintrittseinnahmen).

Ich würde sogar noch weiter gehen und die Grundhaltung erweitern wollen:

Alle Bands sollten immer eine faire Gage bekommen. Außerdem bekommt jede Band selbstverständlich ein vernünftiges Catering und vernünftige technische Rahmenbedingungen.

Es scheint mir vollkommen inakzeptabel, Bands bei einem Auftritt für ihr Catering und ihre Getränke zahlen zu lassen. Klar ist es bei vielen Veranstaltung finanziell nicht drin, ein Mehr-Gänge-Catering oder unbegrenzt Wunschbestellungen von der Pizzabude umzusetzen. Es sollte aber immer möglich sein, den Bands ein solides Catering zu bieten: Nachmittags zum Soundcheck Kaffee, Softdrinks, Brötchen und Snacks und vor dem Konzert eine warme Mahlzeit. Eine Kiste Bier sollte dann für den Abend auch noch drin sein. Bislang konnten wir das bei wirklich jeder Veranstaltung realisieren – es gab durchaus Konzerte, wo wir mit 40€ für 20 Personen gekocht haben und alle satt und zufrieden waren.

Abschließend noch eine kleine Geschichte:
Manchmal treibt das mit den Gagen aber auch ziemlich seltsame Stilblüten. Kürzlich sprach ich mit einer jungen Band (solider, aber unspektakulärer deutschsprachiger PopRock; viele lokale und einige regionale Konzerte; Release des ersten Albums Ende April 2017) über ein Booking. Es ging um einen einstündigen Auftritt auf der Nachwuchsbühne bei einem kleinen Stadtfest in einem 60 km entfernten Ort.

Für diesen Auftritt hat die Band dann 900€ aufgerufen. Was leider vollkommen unrealistisch ist. Das Budget der Veranstaltung gibt maximal 400-500€ pro Band her, was für Nachwuchsbands in diesem Setting m.E. auch eine ziemlich faire Gage ist. Die Band war da leider anderer Meinung, mit der Begründung, sie hätten bereits so hohe Kosten für die Produktion des Albums gehabt und müssten diese nun wieder reinholen. Das hätten ihnen auch die Marketing-Menschen von dem Vertrieb geraten, der das noch erscheinende Album vertreiben wird. Der Auftritt sei die geforderten 900€ aber auch auf jeden Fall wert: „perfekt ausgearbeitete Show, die Leute gehen garantiert ab“. Außerdem würde der Release des Albums von so intensiver Pressearbeit begleitet werden, dass allein wegen besagter Band viele Besucher/innen zu dem Stadtfest kommen würden.
Da die Band aber bisher im Ort des Stadtfestes noch nicht gespielt hat, dürfte die Zahl der tatsächlich zu erwartende Besucher/innen, die extra wegen ihnen zum Konzert kommen, vermutlich eher gering sein. Zumal das Stadtfest an der Abendkasse 10€ Eintritt kostet, wodurch gerade viele Jugendliche tendenziell abgeschreckt werden.
Interessant war, dass die Band selbst sagte, bisher meist in Jugendzentren oder ähnlichen kleineren Läden für deutlich geringere Gagen gespielt zu haben – nun aber auf Anraten des Vertriebes die eigenen Gagenvorstellungen nach oben justiert hat. Das Unternehmen macht übrigens in Zukunft auch das Booking für die Band. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Es drängt sich die Frage auf, ob hier die Unerfahrenheit – gepaart mit einer leicht realitätsfernen Selbsteinschätzung der eigenen Reichweite –  einer jungen Band ausgenutzt wird. Oder anders: Es stellt sich die Frage, ob hier eine Nachwuchsband  von einem kommerziellen Unternehmen verheizt wird.

In diesem Fall führte die übersteigerte Gagenvorstellung der Band jedenfalls dazu, dass eine andere Band gebucht wurde. Die leider mit der Forderung verbundene fehlende Verhandlungsbereitschaft wird wohl auch dazu führen, dass die Band auch für andere Konzertoptionen nicht gebucht wird. Schade eigentlich.

Spotify Free – ein Erlebnisbericht

Wie sehr viele andere Menschen nutze ich Spotify*. Regelmäßig und gerne – häufig zum Beispiel, um neue Musik zu hören, auf die mich Freunde, das Netz und gelegentlich auch noch Printmedien hinweisen. Tatsächlich kaufe und höre ich nach wie vor viele Platten (eigentlich nur noch Vinyl), aber zum mal eben schnell reinhören und niedrigschwelligen Kennenlernen von neuer Musik ist Spotify schon ein tolles Tool.

Solange man einen Premium-Account nutzt.

Neulich dachte ich mir, den 10er im Monat könnte ich mir ja auch mal sparen und habe daher meinen Premium-Account gekündigt. Ich habe danach noch vier Anläufe gestartet, mir gezielt einen Song oder ein Album auf Spotify anzuhören. Leider ist die „free“-Variante von Spotify dafür gänzlich ungeeignet. Die andauernde Werbung nervt wirklich. Ok, das ist der Preis dafür, dass der Dienst dann nichts extra kostet. Das ist schwer zu ertragen, wäre aber dank eines schnellen Fingers auf dem Mute-Knopf vielleicht noch zu verkraften.
Was aber ein absolutes Ausschlußkriterium ist: Die kostenlose Variante von Spotify bietet nur (noch – war das nicht früher mal anders?) eine Shuffle-Funktion. Es ist also reines Glück, ob ich den gewünschten Song direkt hören kann oder erst diverse andere Songs (und Werbung) über mich ergehen lassen muss.**

Der Dienst ist in meinen Augen damit unbenutzbar. Ich frage mich wirklich, wer die Zielgruppe dafür sein soll? Radiohörer/innen, die die Musik nur als Hintergrundgedudel laufen lassen und die nicht die Bohne interessiert, was das kommt? Oder gibt es dafür noch eine Zielgruppe, die sich mir nicht erschließt?

Ich betrachte das Experiment jedenfalls als gescheitert auf ganzer Linie und überlege nun, Spotify endgültig den Rücken zu kehren. Oder klicke ich mir doch wieder einen Premium-Account?.

*  Spotify hatte nach eigenen Angaben im Juni 2016 100 Millionen User.Im September 2016 wurde bekannt gegeben, dass 40 Millionen User einen bezahlten Account nutzen.

**  Ich wurde von Frederik (Danke!) darauf hingewiesen, dass die Shuffle-Problematik nur bei der App für’s Smartphone auftritt. In der Desktop-Variante funktioniert die direkte Auswahl von Songs noch. (Meine Nerven haben offensichtlich nicht mal gereicht, um bis dahin zu testen..).

Warum Bandcontests ein Problem sind

Bandcontests. Wer selbst Musik macht oder Musikerfreunde hat oder sich auch nur für Konzerte mit lokalen/regionalen Bands interessiert wird früher oder später mit Bandcontests in ihren verschiedenen Ausprägungen konfrontiert.[1]

Bandcontests gibt es unterschiedlichen Varianten. Die einfachste: Eine Reihe wie auch immer ausgewählter Bands spielt ein gemeinsames Konzert und je nach Zustimmung (Applaus+Gebrüll) aus dem Publikum gewinnt eine davon. Komplexere Varianten sehen Juryentscheidungen, Onlinevotings, geheime Publikumsabstimmungen, Expertenmeinungen oder beliebige Kombinationen aus all diesen Möglichkeiten vor. Was allen Contests bleibt: Es gibt eine Gewinnerband, manchmal auch noch zweite und dritte Plätze, aber irgendwer gewinnt immer irgendetwas.

Warum das problematisch ist? Zunächst, weil Bewertungsverfahren bei Contests nie fair ablaufen. Sobald zum Beispiel in irgendeiner Form das Publikum „abstimmen“ darf, gewinnt mit großer Wahrscheinlichkeit die Band, die die meisten Fans und Freunde zum Konzertbesuch motivieren kann. Also in der Regel eine Band aus dem Ort, wo das Konzert stattfindet. Auswärtige Bands sind also – obwohl oftmals sicher musikalisch und von der Darbietung nicht schlechter – von Vornherein benachteiligt. Natürlich kann man an dieser Stelle argumentieren, dass musikalische Qualität überzeugt, die Erfahrung zeigt aber, dass „friends&family“ hier ein viel stärkerer Einflussfaktor sind und nur in absoluten Ausnahmefällen die Besucher gegen „ihre“ Band stimmen. Gleiche Effekte treten auch bei allen Juryentscheidungen auf: Auch diese bewertet (natürlich) subjektiv, wodurch abwegigere Musikrichtungen und Showkonzepte tendenziell schlechtere Karten haben. Alles in allem ist eine objektive Bewertung der Show einer jungen Band kaum sinnvoll möglich und sei es, weil sich der Gitarrist der zweiten Band im Catering vorgedrängelt hat und für das Jurymitglied dann kein Kaffee mehr in der Kanne war.

Über das Bewertungsdilemma hinaus geht die Frage, wie authentisch eine Band auftritt, wenn sie weiß, dass die Show von Publikum oder Jury bewertet wird. Die Erfahrung zeigt, dass Musiker/innen in so einer „Prüfungssituation“ teils stark unter Druck stehen, worunter die Darbietungsqualität sehr leiden kann. Außerdem verhalten sich die Bandmitglieder angepasster, zum Beispiel gegenüber Veranstaltern und Jurymitgliedern. Dies führt wieder zu Schwierigkeiten, wenn es beispielsweise darum geht, die Band als Gesamtpaket zu bewerten (also auch über die eigentliche Show hinaus).

Problematisch ist auch, dass eine Band (zumindest bei professionell organisierten Contests) häufig mindestens nicht-exklusive Verwertungsrechte an die Veranstalter/innen abtreten müssen. Und das in der Regel zeitlich unbegrenzt und mit irgendwelchen Zusatzklauseln: Beispielsweise darf die Band den eingereichten Song nicht anderweitig nutzen, z.B. für eigene Werbemaßnahmen im Lokalradio. Oder gar: Die Veranstalter/innen dürfen die Verwertungsrechte uneingeschränkt an „Partner“ weitergeben, also z.B. an Sponsoren für deren Werbemaßnahmen. Natürlich ist es sinnvoll, die Nutzung von Material rechtlich zu regeln, aber dies sollte doch keinesfalls zu Lasten derjenigen gehen, um die es bei dem ganzen Contestding doch eigentlich geht: Die Bands.

Ein weiteres zentrales Problem an Contests ist, dass sie die Konkurrenz zwischen Bands befeuern. Zweifellos steht eine Band, die ambitioniert zu Werke geht, aber sowieso in einem hohen Konkurrenzdruck: Bühnenshow und Sound sollen unbedingt besser sein, als die der anderen Wasauchimmer-Band, die drei Räume weiter im gleichen Proberaumzentrum probt. Booker wollen überzeugt werden, warum ausgerechnet diese Band aus der Masse hervorsticht und gebucht werden sollte. Die Onlinepräsenz muss mehr Klicks generieren, als bei der Wasauchimmer-Band usw. Allerspätestens, wenn es darum geht, mit Musik die Miete zu verdienen, ist klar, dass es sich um ein Geschäft mit großer Konkurrenz handelt.

Was die Musikszene[2] sicher nicht braucht: Noch mehr (künstlich geschaffene) Konkurrenz! 

Im Gegenteil: Kooperation und gegenseitige Unterstützung ist gefragt. Band X profitiert in jedem Fall mehr von einem aktiven Konzertaustausch mit anderen Bands, als von einem Contest, bei dem sie Kinogutscheine oder 200€ für den nächsten Einkauf im Musikhaus (oder, wenn es mal etwas größer wird: einen Studioaufenthalt) gewinnen. Natürlich bringen auch diese Preise gerade sehr jungen Bands etwas, langfristig ist aber die Vernetzung von Bands und das gemeinsame Auftreten erfolgversprechender. Insbesondere, da realistisch betrachtet der allergrößte Teil der jungen Bands aus dem Feld der populären Musik sowieso niemals rockstarmäßig in Stadien spielen wird, sondern eher auf kleinerem Level aktiv bleibt. Hier zählt dann – neben dem Zusammenspiel mit der Band an sich – vor allem, live zu spielen. Gerne häufig, vor Publikum, dass da ist, um die Band(s) zu hören, mit gutem Sound und anderen Bands, mit denen man sich gut versteht.

Eine spannende Frage bleibt allen Contests gemein: Warum glaubt eigentlich jede/r, die/der einen Contest veranstaltet, dass genau ihr/sein Format das richtige und gerade ganz aktuell wegweisende Modell ist? Liest man die Selbstbeschreibungen, darf man zur Kenntnis nehmen, dass ausgerechnet dieser Contest jetzt das einzig Wahre ist. Mit der einzig wahren Expertenjury, die diesmal wirklichdie allerbestevon allen Nachwuchsbands findet und auszeichnet.

Eigentlich erstaunlich, dass der Output an wegweisenden und erfolgreichen Bands aus dem Münsterland, NRW, Deutschland nicht an den von musikfreundlichen Nationen (wie z.B. Schweden) heranreicht, wo doch hier ständig die Besten der Besten auserkoren und mit total hilfreichen Preisen bedacht werden.

Fazit: Bandcontests abschaffen! 

Ja, dieser Text ist polemisch und unreflektiert. Aber im Wesentlichen bleibt: Wenn ihr junge Bands unterstützen wollt, geht auf ihre Konzerte, kauft ihre Platten und erzählt euren Freunden davon.

Und sowieso:

Geht mehr auf Konzerte!

Update: Kommentare sind hier natürlich gern gesehen! Wie steht ihr zum Thema Bandcontests?


[1] Dieser Text ist auf Basis von Erfahrungen und Diskussionen im Rahmen der Initiative muensterbandnetz.de entstanden. Vielen Dank an das tolle Team!
[2] Natürlich gibt es nicht „die“ Musikszene, gemeint sind hier alle Szenen, die im weitesten Sinne dem Bereich der populären Musik zuzuordnen sind.