Über die Notwendigkeit von Popförderung in NRW

Das Land Nordrhein-Westfalen ist ein Popmusik-Land.

Das Land Nordrhein-Westfalen ist kein Popmusik-Land.

Beides stimmt. Irgendwie.

Auf der einen Seite gibt es eine ganze Reihe pophistorisch bedeutender Städte, vor allem aber pophistorisch bedeutender Akteure aus NRW. Der Coolness-Faktor von Bands und Musikern wie CAN , Kraftwerk, Udo Lindenberg, BAP, Herbert Grönemeyer und Nina Hagen ist durchaus sehr unterschiedlich zu bewerten – ihr Einfluss auf die Popmusik aus Deutschland (und teils darüber hinaus) dürfte aber unbestritten sein. Der „Sound Of Cologne“ rund um das Label Kompakt ist weltweit eingeschlagen. VIVA wurde in Köln geboren und hat Pop im deutschen Fernsehen an den Start gebracht.

Auf der anderen Seite hört man immer wieder von junge Bands: Wir gehen nach Berlin. Oder Hamburg. Weil da die „Szene“ ist, die Labels, die Clubs und überhaupt. In Köln passiert immer noch viel. Aber es wird auch eine Diskussion über das Verhältnis von Köln zum Rest der Pop-Republik geführt – etwa bei der cologne music conference im Januar 2018, bei der neben allgegenwärtigen Konfliktlinien wie Clubkultur vs. Stadtentwicklung auch das Leben als Musiker*in Köln unter die Lupe genommen und die Frage nach der derzeitigen Verfassung der Musikstadt Köln diskutiert wurde.

Betrachtet man die Popmusikszene(n) in NRW landesintern, wird deutlich, dass es ein gewaltiges Gefälle gibt: Köln liegt ganz weit oben auf dem Pop-Berg, ein Stückchen darunter kommt ein Hochplateau mit diversen Ruhrgebietsstädten. Und dann kommt das Tal: der „ländliche Raum“. Die „Regionen abseits der Ballungsgebiete“. Ob im tiefsten Ostwestfalen, auf dem platten Land rund um Münster, am Niederrhein, in Südwestfalen oder im Sauerland. Hier gibt es keine Popmusik.* Alle wollen nach Köln. Oder halt gleich nach Hamburg/Berlin.

……..

Was bleibt, ist die schlichte Erkenntnis, dass es nur dann neue, spannende Bands geben kann, wenn diese irgendwann irgendwo anfangen Musik zu machen. Die Grundsteine dafür werden häufig in den Familien, Schulen und Musikschulen gelegt. Popmusik bricht aber gerne aus diesen beschränkten und formalisierten Rahmen aus. Spätestens dann werden andere Strukturen notwendig. Strukturen, die jungen Menschen ermöglichen, „ihre“ Musik möglichst selbstbestimmt zu machen. Strukturen, die jungen Bands Skills, Orte, Wissen und finanzielle Mittel an die Hand geben, nicht nur ihre Musik zu machen, sondern auch möglichst viel aus ihrer Musik zu machen.

Wenn wir über Popmusikförderung reden, reden wir also prinzipiell über eine Infrastrukturförderung. Wir reden von bezahlbaren Proberäumen, die Freiräume zur musikalischen Entfaltung bieten. Wir reden über Bühnen, auf denen junge Bands ihre Musik präsentieren können. Wir reden über Orte, die es jungen Menschen ermöglichen, selbst Konzerte zu organisieren und damit unbezahlbare Erfahrungen zu sammeln. Wir reden über Orte, die popmusikbegeisterte junge Menschen zusammenbringen und so zur Entstehung und Festigung von Musikszenen beitragen. Wir reden über Möglichkeiten, sich Skills für das eigenen Musikmachen anzueignen: Neben dem eigentlich Musikmachen gehören hierzu auch unterschiedlichste Fähigkeiten, sich selbst zu organisieren und Dinge in Eigenregie zu realisieren. Und wir reden natürlich auch über Kohle: Es ist notwendig, jungen Menschen Fördermöglichkeiten anzubieten, die Projekte finanziell erst ermöglichen. Warum sollte der Release einer EP mit richtig guten Songs daran scheitern, dass die Band den zweiten Studiotag nicht bezahlen kann?

Eine funktionierende Popmusikförderung muss also eine gute Mischung aus verschiedenen Strategien sein.

  • In der Breite müssen junge Bands qualifiziert werden (Workshops!), sie brauchen trockene und bezahlbare Proberäume und für sie zugängliche Bühnen (z.B. im Jugendzentrum um die Ecke). Sie brauchen vielleicht auch mal eine kleine finanzielle Unterstützung, um ein Projekt durchzuführen. Breitenförderung in der Popmusik bedeutet, einen Nährboden für die Popmusikszene(n) zu schaffen. Aus der Vielzahl der Bands werden dann einzelne vielleicht den Sprung über die lokalen Bühnen hinaus schaffen.
  • Diese Bands, die dann schon einen Schritt weiter sind, benötigen dann andere Unterstützung: Hier wird vielleicht mal eine größere finanzielle Förderung helfen, das erste Album richtig professionell zu produzieren. Oder es hilft, Kontakte zu Menschen im professionellen Musikbusiness herzustellen, die Band auf ein Showcasefestival zu buchen oder eine Tour zu unterstützen.
  • Gehen wir noch einen Schritt weiter, befinden wir uns im Feld der Initiative Musik, die auf Bundesebene professionelle Bands unterstützt – zum Beispiel bei der Produktion von Alben oder Tourförderungen.

Natürlich muss – insbesondere bei den „höher“ ansetzenden Programmen vor allem die Musik überzeugen. Eine Sammlung schlechter Songs wird langfristig auch mit dem besten Marketing  nicht als Album funktionieren.

Es ist also notwendig, Popmusikförderung auf verschiedenen Ebenen zu denken: Vom lokalen Verein, der ein kleines Festival für regionale Bands organisiert, Jugendzentren mit grund-ausgestatteten Proberäumen, kleinen Bühnen und aktiven Konzertgruppen, über Basisförderprogramme wie create music NRW, bis hin zu Förderprojekten wie dem Lalla:Labor und popNRW, die einzelne Bands gezielt mit finanziellen Mitteln, Kontakten, Bookings und KnowHow unterstützen. All diese Akteure machen einen tollen Job und tragen zu einer lebendigen Popmusiklandschaft in NRW bei.

Und trotzdem: NRW kein Popmusikland. Es fehlt an einer landesweit agierenden Stelle, die koordinieren und vernetzen kann. Natürlich geht es keinesfalls darum, die Eigenständigkeit der vorhandenen Projekte und Akteure in Frage zu stellen oder gar überall ein neues Logo draufzupappen.
Ein „Popbüro“ könnte aber:

  • vorhandene Projekte vernetzen,
  • Ressourcen und KnowHow vermitteln,
  • Bands beraten,
  • Kulturakteure beraten,
  • Popmusikförderer beraten,
  • informelle Interessenvertretung aller Popakteure gegenüber der Landeskulturpolitik und allgemein „den Anderen“ sein,
  • Qualifizierungsangebote entwickeln und realisieren,
  • Schnittstelle zur Kultur- und Kreativwirtschaft sein,
  • und nicht zuletzt durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit auch das Land NRW als Popmusikstandort in Deutschland und Europa positionieren.

Wenn das Land NRW ein ernsthaftes Interesse daran hat, Popmusik (und damit auch Jugendkulturarbeit) im Land zu stärken und sich als aktiver Standort zu behaupten, wäre es sinnvoll und geboten, ein „Popbüro“ einzurichten. Mit ausreichender Finanzierung, um o.g. Maßnahmen aktiv zu verfolgen (aber eben in vorhandenen Strukturen und nicht durch die Schaffung neuer und andere vereinnahmender Programme). Und mit weitgehenden Möglichkeiten, auf die Gegebenheiten der sich schnell verändernden Popmusikwelt zu reagieren – also mit flexiblen Förderstrukturen und inhaltlichen Schwerpunkten. Idealerweise würden sich die relevanten Ministerien zusammenraufen, um so die gemeinsame Querschnittsaufgabe Popförderung in Angriff zu nehmen: Das Ministerium für Kultur und Wissenschaft (Musik!), das Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration (Jugend!) und das Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie (Kreativwirtschaft!).

Auf geht’s!

*Das ist natürlich zu einfach und überspitzt. Selbstverständlich gibt es auch „auf dem platten Land“ Popmusik. Auch tolle Popmusik und tolle Menschen, die tolle Projekte machen. Trotzdem ist ein deutlicher Fokus auf die Metropolen erkennbar – deswegen sei diese Vereinfachung gestattet.

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